Gedenktreffen der Fürstenhäuser 2013

Vertreter von 15 deutschen und europäischen Fürstenhäusern, deren Vorfahren in die Völkerschlacht bei Leipzig involviert waren, beteiligten sich am Gedenktreffen, zu dem die Kultur- und Umweltstiftung Leipziger Land der Sparkasse Leipzig und der Förderverein Rötha - Gestern. Heute. Morgen. e. V. anlässlich des 200. Jahrestages der Schlacht vom 17. bis 19. Oktober 2013 nach Leipzig und Rötha eingeladen hatten. Im Mittelpunkt stand das gemeinsame Gedenken an die ungezählten militärischen und zivilen Opfer der Völkerschlacht, bei der sich 1813 die Heere Napoleons und der künftigen, als Ergebnis von Befreiungskriegen und Wiener Kongress 1815 gegründeten, Heiligen Allianz aus russischem Zar, preußischem König und österreichischem Kaiser bei Leipzig gegenüber gestanden hatten.

Eine Andacht in der Leipziger Nikolaikirche eröffnete am 18. Oktober 2013 das gemeinsame Gedenken der Fürstenhäuser der einst verfeindeten Seiten. Superintendent Martin Henker mahnte: "Wir wissen um unsere Gefährdung, nicht in der Ausrichtung auf Gottes Wort und unsere Nächsten zu leben. […] Im Extremfall führt das zu solchen grauenvollen Kriegskatastrophen wie der Völkerschlacht." Walter Christian Steinbach, Vorsitzender des Fördervereins Rötha, erinnerte in seinen Worten während der Andacht an die Friedliche Revolution 1989, die in der Nikolaikirche einen Ausgangs- und Kulminationspunkt fand.

Ein Ökumenischer Gottesdienst unter Mitwirkung des Thomanerchores Leipzig führte die Fürstenhäuser am Folgetag nach Rötha. Jochen Bohl, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens, sprach in seiner Predigt zunächst die "menschliche Katastrophe" an, die die Völkerschlacht zuallererst bedeutet habe, und schlug anschließend einen Bogen von der Mythisierung der Schlacht in Deutschland als nationalen Freiheitsakt über die Jahre des 1. und 2. Weltkrieges bis in unsere Zeit. "Eingedenk all dessen, erinnere ich uns alle daran, dass die Erinnerung an das Hinmorden so vieler Menschen, Geschöpfe Gottes sie alle, nach angemessenen Formen der Erinnerung verlangt", so Bohl. 68 Jahre Frieden in Westeuropa seien zugleich eine Aufforderung: "Je vertrauter uns die Geschichte unseres Landes ist, desto dankbarer wird man dafür sein und sich selbst verpflichtet wissen, mit den eigenen Möglichkeiten dazu beizutragen, dass uns dieser glückhafte Zustand erhalten bleibt." Angesichts zahlreicher Kriegseinsätze in der ganzen Welt sei es angebracht sich zu erinnern, "dass der Krieg Menschen verändert und mit ihnen dann auch das Menschenleben. Und nicht zum Guten."

In Vertretung des wegen der Trauerfeier für Weihbischof Georg Weinhold verhinderten katholischen Bischofs der Diözese Dresden-Meißen, Bischof Dr. Heiner Koch, plädierte der Bornaer Pfarrer Dietrich Oettler dafür, "die Seligpreisungen in unserem Leben wahr werden zu lassen, sie umzusetzen an den Armen, den Trauernden, den Dürstenden". Unsere Gesellschaft sei religiös wachsamer, als wir manchmal meinen: "Ich spüre ganz oft, dass es eine Wachsamkeit gibt nach dem Sinn des Lebens, nach dem, was nach dem Tod kommt, dass Krieg nicht alles sein kann, dass es Gerechtigkeit und Frieden braucht. Diese Sehnsucht artikuliert sich nicht immer kirchlich, nicht immer in den Worten der Heiligen Schrift, aber sie ist da."

Der russisch-orthodoxe Erzbischof Longin von Klin überbrachte der Gottesdienstgemeinde Grüße und Segenswünsche des Patriarchen Kyrill I. von Moskau und der ganzen Rus. Die westlichen und östlichen Kirchen seien in den vergangenen 200 Jahren eine Konstante in sich wandelnden politischen Landkarten und stünden seit Jahrzehnten in einem engen Dialog: "Durch unsere Dialogbereitschaft kennen wir uns und kennen uns besser, was sehr wichtig ist. Wir sehen das Bild Gottes in unserem Gesprächspartner, der auch wie wir von Gott geschaffen ist. Beten wir, liebe Brüder und Schwestern, dass wir in Friede und Eintracht unsere gemeinsamen Probleme lösen können, ohne Krieg zu führen."

Neben Andacht und Ökumenischem Gottesdienst standen für die Repräsentanten der Fürstenhäuser auch die Teilnahme am Festakt der Stadt Leipzig und des Freistaates Sachsen zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht, ein Empfang beim Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung sowie eine Veranstaltung am Standort des ehemaligen Hauptquartiers der Koalitionstruppen, dem 1969 gesprengten Schloss Rötha, auf dem Programm des Gedenktreffens. Georg Erzherzog von Österreich bedankte sich angesichts der Vielfarbigkeit der Veranstaltungen: In Leipzig sei "die Latte sehr hochgelegt, wie man solche Ereignisse begehen kann, und ich habe mich sehr gefreut, dass wir auch jeden Tag einen Gottesdienst gehabt haben, weil das, glaube ich, eines der wichtigsten Elemente ist, womit wir auch einen speziellen Bezug zu dem, worüber wir nachdenken und worauf wir uns besinnen sollten, finden können."

In Vielfalt vereint

Das Leitmotiv der Europäischen Union "In Vielfalt vereint" war zugleich auch das Leitmotiv der Abschlussveranstaltung des Gedenktreffens, das mit einem historischen Zapfenstreich endete. Die 180 Mitwirkenden der Bürgerwehr und Stadtmusik Villingen spannten dabei den musikalischen Bogen von "Großer Gott wir loben dich" bis zu Beethovens "Ode an die Freude", der heutigen Europa-Hymne. In einem gemeinsamen Kommuniqué, das nach dem Zapfenstreich unterzeichnet wurde, betonten die Repräsentanten der Familien: "Wir haben in Leipzig erlebt, wie die Kämpfe unserer Vorväter Erfüllung finden, indem die Feindschaft erlischt. Wir wünschten, dass Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft und Medien ihr Handeln, den Bürgern und Gästen Leipzigs folgend, darauf ausrichteten, das gemeinsame Haus Europa in seinem Umfeld zu befrieden und in seinen Fundamenten zu stärken."

Stanislaw Tillich, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, erklärte im Angesicht der Teilnehmer des Gedenktreffens und zahlreicher Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft und gesellschaftlichem Leben: "Hier gedenken nicht Sieger oder Besiegte, hier gedenken alle gemeinsam." Europa und seine Institutionen bewegten sich nicht immer in der gewünschten Geschwindigkeit, aber Gespräche und Verhandlungen seien besser als die Grausamkeit einer Schlacht, wie sie vor 200 Jahren in Leipzig stattfand.

Dies unterstützte Georg Erzherzog von Österreich in seinem Grußwort: "Die Europäische Union steht für Sicherheit und Stabilität, sie steht nicht für Banken- und Wirtschaftskrisen." (die vollständige Rede finden Sie hier) Den Blick und die Verständigung über Ländergrenzen hinweg forderte auch Georgi Michailowitsch Großfürst von Russland: "Wir müssen alles in unserer Macht stehende dafür unternehmen, dass Allianzen zwischen Staaten und Nationen heute und in der Zukunft ausschließlich der Sache des Friedens dienen." (Den Wortlaut der Rede finden Sie hier).

Dr. Harald Langenfeld, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Leipzig, fasste zum Völkerschlacht-Gedenken und dem Gedenktreffen zusammen: "Ziel muss es sein, nicht nur die Bedeutung der damaligen Ereignisse zu vermitteln, sondern vor allem Orientierung für unser aller Handeln in der Gegenwart zu geben. Nur, wer um die Schrecken von Chaos und Krieg weiß, erkennt den Wert von Frieden und Freiheit. Das ist aus heutiger Sicht die Mahnung der Völkerschlacht für uns Europäer."

Abschluss-Kommuniqué der europäischen Fürstenhäuser zum Gedenktreffen der Fürstenhäuser vom 17. bis 19. Oktober 2013

"200 Jahre nach der Völkerschlacht haben wir uns in Leipzig eingefunden, um der unvorstellbar großen Zahl von Opfern der bis dato größten Feldschlacht der Menschheitsgeschichte in Achtung zu gedenken. Wir rufen uns die Toten ebenso wie die Verwundeten, die gefallenen Soldaten aller Nationen und Länder und die unter Krieg und Zerstörung leidende Zivilbevölkerung in mahnende Erinnerung.

Die historischen Wirkungsstätten unserer Vorfahren müssen wir kennenlernen. Europas Fürstenhäuser, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, die Mediatisierung durch den Reichsdeputationshauptschluss und die Völkerschlacht sind Begriffe einer Epoche, die längst vergangen scheint und die doch bis in die heutige Zeit eine starke Wirkung auf die Menschen in Europa entfaltet. Aus diesem historischen Bewusstsein heraus erwächst uns die Verantwortung und Pflicht, familiäre Traditionen, kulturelle Schätze und christliche Werte zu wahren und sie an nachfolgende Generationen weiterzugeben.

Wir sind nach Leipzig gekommen aus geschichtlicher Neugier und wir haben europäische Gegenwart und Zukunft getroffen – in einer Stadt der Freiheit, in der unzählige Nationen in Frieden und Würde und im Wortsinne ‚in Vielfalt vereint‘ das historische Ereignis reflektieren! Wir sind dankbar, dass in 23 Jahren Demokratie in Sachsen nach Jahrzehnten staatlich gelenkter Geschichtsdeutung ein neues Verständnis für unsere gemeinsame Vergangenheit geschaffen wurde.

Wir haben in Leipzig erlebt, wie die Kämpfe unserer Vorväter Erfüllung finden, indem die Feindschaft erlischt. Wir wünschten, dass Entscheidungsträger in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft und Medien ihr Handeln, den Bürgern und Gästen Leipzigs folgend, darauf ausrichteten, das gemeinsame Haus Europa in seinem Umfeld zu befrieden und in seinen Fundamenten zu stärken."

Leipzig, den 19. Oktober 2013

Georg Erzherzog von Österreich
Franz Friedrich Prinz von Preußen
Georgi Michailowitsch Großfürst von Russland
Heinrich Prinz von Hannover Herzog zu Braunschweig und Lüneburg
Michael-Benedikt Prinz von Sachsen-Weimar-Eisenach
Alexander Prinz von Sachsen
Heinrich XIV. Fürst Reuß
Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe
Dr. Georg Prinz zur Lippe-Weißenfeld
Rudolf Herzog von Croy
Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn
Maximilian Graf zu Solms-Laubach
Nicolaus Herzog von Leuchtenberg de Beauharnais
Nikolaus Fürst Blücher von Wahlstatt
Lukas Graf Blücher von Wahlstatt
Pierre Graf von Bennigsen
Heinrich Freiherr von Friesen

Kommuniqué der Fürstenhäuser (DE/EN)

Gedenktreffen zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig - Die Fürstenhäuser als Kulturträger in Europa

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