PM vom 05.08.2016: Rötha: Digitales Schloss-Modell lenkt Aufmerksamkeit auf bedeutende, jahrhundertealte Bibliothek

Leipzig/Dresden, der 5. August 2016. Ein digitales 3D-Modell des Schlosses Rötha auf der Internetseite der Kultur- und Umweltstiftung Leipziger Land der Sparkasse Leipzig lenkt seit heute die Aufmerksamkeit auf die "Freiherrlich von Friesen'sche Schloßbibliothek Rötha". Die Präsentation ist Teil einer Kooperationsvereinbarung zwischen der Kultur- und Umweltstiftung Leipziger Land der Sparkasse Leipzig, der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) sowie dem Landesamt für Denkmalpflege Sachsen. Diese sieht vor, dass die wohl noch existierenden etwa 4.000 Bände der einst über 10.000 Werke umfassenden Bibliothek aus dem Röthaer Schloss der Freiherren von Friesen, deren Bestand mit der Enteignung der Schlossherren 1945 und der Sprengung des Schlosses im Jahr 1969 in zahlreiche Teile zerlegt wurde, an einem Ort, vorläufig der SLUB, zusammengeführt werden.

"Damit wird der bisher verstreute, noch vorhandene historische Buchbestand wieder in großem Umfang an einem Ort zusammengefasst, die Prioritätensetzung der verschiedenen Sammler der Freiherren von Friesen über die Jahrhunderte hinweg nachvollziehbar und die Korrespondenzen zwischen einzelnen Bänden erlebbar", erläutert Stephan Seeger, Geschäftsführender Vorstand der Kultur- und Umweltstiftung Leipziger Land. Der Sparkassen-Stiftung wurden von Heinrich Freiherr von Friesen im April 2014 die Eigentumsrechte über die Bücher und Handschriften der ehemaligen Schlossbibliothek übertragen. Die Stiftung verpflichtete sich, die Bibliothek nach Rötha zu überführen, sobald dort eine für die Aufnahme der Bestände geeignete, dem historischen Kontext zwischen ehemaligem Schloss, seiner Bibliothek und der Familie der Freiherren von Friesen angemessene Unterbringungsmöglichkeit besteht.

Die eingangs erwähnte Kooperationsvereinbarung sieht vor, den Gesamtbestand der Bibliothek zunächst in der SLUB zusammenzuführen. Dazu gehören 1.361 an Freiherr Heinrich von Friesen restituierte Bände, 87 Bände mit unsicherer Provenienz sowie 1.038 weitere fragliche Bände, die sich bereits im Bestand der SLUB befinden.

"Die SLUB hat in den letzten Jahren mit Unterstützung des Freistaates erhebliche Kraft in die Provenienzrecherche - die Erforschung der Herkunft ihrer Bestände - investiert. Neben der juristischen Klärung der Eigentumsverhältnisse verfügen wir über wertvolle Daten zu historischen Sammlungszusammenhängen, die durch die Bodenreform zerstört worden sind. Das Projekt zur Röthaer Schlossbibliothek ist ein Glücksfall - in Kooperation mit der Sparkassen-Stiftung und dem Landesamt für Denkmalpflege werden wir ein prominentes Beispiel der ehemals reichen Landschaft sächsischer Adelsbibliotheken virtuell rekonstruieren können“, sagt Jana Kocourek, Leiterin der Abteilung Handschriften, Alte Drucke und Landeskunde der SLUB.

Zu den Beständen in der SLUB kommen circa 800 Bände, die derzeit, ebenso wie ein Gesamtkatalog der Schlossbibliothek, im Landesamt für Denkmalpflege aufbewahrt werden. "Unter der Leitung des damaligen Instituts für Denkmalpflege, Arbeitsstelle Dresden, ist in den 1960er Jahren die noch vorhandene Ausstattung aus Schloss Rötha geborgen, an verschiedene Museen und Bibliotheken verteilt und so vor dem Verlust gerettet worden. Das Institut übernahm neben der fast vollständigen Ahnengalerie den kompletten Katalog (1732 bis 1906) der Schlossbibliothek Rötha sowie einige hundert Bücher. Wenn die im Zuge des Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz restituierten Bücher in der SLUB zusammengeführt und digitalisiert werden, sind sie für die Öffentlichkeit zugänglich und gleichzeitig wird eine - wahrscheinlich die einzige in diesem Umfang erhaltene - seit dem 18. Jahrhundert gewachsene sächsische Adelsbibliothek an einem Ort vereint“, so Christine Kelm, Referatsleiterin Restaurierung des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen.

Weitere Bestände werden in anderen Bibliotheken, unter anderem der Universitätsbibliothek Leipzig, vermutet. "Ziel der Kultur- und Umweltstiftung ist es, zunächst alle eindeutig der Röthaer Schlossbibliothek zuzuordnenden Bände in der SLUB zusammenzuführen", so Stephan Seeger.

In der SLUB sollen die Katalogbände von 1905/06 digitalisiert werden, die Bestände zugeordnet, verifiziert und inventarisiert sowie die Bücher im Lesesaal der SLUB interessierten Bibliotheksnutzern zugänglich gemacht werden. Die Kultur- und Umweltstiftung unterstützt die wissenschaftliche Aufarbeitung finanziell und fördert die Präsentation der Bestände. Zum einen soll eine Publikation über die 'Freiherrlich von Friesen'sche Schloßbibliothek Rötha' entstehen. Zum anderen soll durch das 3-D-Modell des Schlosses Rötha - und eine spätere Verknüpfung zu den SLUB-Datenbanken - Aufmerksamkeit auf die jahrhundertealten Bibliotheksbestände lenken.

Der vormalige Eigentümer, Heinrich Freiherr von Friesen, wünscht sich langfristig eine Rücküberführung der Bibliothek nach Rötha: "Mir ist bewusst, dass hierzu eine Lösung gefunden werden muss, die unter denkmalpflegerischen, konservatorischen und archivarischen Gesichtspunkten den historischen Buchbestand auf Dauer sichert - und dass eine solche Lösung Zeit benötigt. Deshalb stimme ich der nun geschlossenen Kooperationsvereinbarung ausdrücklich zu."

Besonders erfreut ist Heinrich Freiherr von Friesen, über die 3D-Darstellung des Schlosses: "Mit der visuellen Wahrnehmung kann dem Betrachter erstmalig gezeigt werden, was von einer geschichtlich vollkommen verblendeten und barbarischen Ideologie zerstört wurde." Ihm sei Rötha "mein Paradies" gewesen, so Freiherr von Friesen: Der Baukörper des Schlosses, als "Hymnus auf den Westfälischen Frieden" 1669 in dieser Form errichtet, strahle "ein vollkommenes Ebenmaß aus, fast schmucklos, ohne jegliche Ausladung, hoch repräsentativ, aber ohne jeglichen Prunk."

Hintergrund:
Die Bibliothek des Schlosses Rötha galt mit ihren einst etwa 10.000 Bänden als eine der größten und wertvollsten Privatbibliotheken in Sachsen. Zusammengetragen wurden sie über Jahrhunderte von den Schlossherren in Rötha, der Familie von Friesen, die wesentlich in die sächsische und europäische Geschichte involviert war.

Von 1592 bis 1945 residierte die Familie von Friesen, ab 1653 als Freiherren, im Schloss zu Rötha, das während der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 Hauptquartier der gegen Napoleon alliierten europäischen Mächte war. Der Bauherr des 1669 geschaffenen Schlosses Karl Friesen wirkte als Präsident des Obersten Konsitorialgerichts in Leipzig und vertrat nach dem Westfälischen Frieden von 1648 sächsische Interessen beim Reichstag in Regensburg. Heinrich Friedrich Graf von Friesen (1681-1739) war königlich-polnischer und kursächsischer Geheimer Kabinettsminister, Generalleutnant und Gouverneur zu Dresden, Johann Georg Friedrich Freiherr von Friesen (1757-1824) war Oberkammerherr, Geheimer Rat und Oberaufseher der Kunstsammlungen und der Bibliothek in Dresden, Friedrich Freiherr von Friesen (1796-1871) wurde Mitglied und Präsident der 1. Kammer des Sächsischen Landtags.

Mit der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone wurde die Familie enteignet und floh in den Westen. Heinrich Freiherr von Friesen, letzter auf Schloss Rötha geborener Nachfahre der Familie, bemüht sich seit 1990 um die Restitution des auf mehrere sächsische Bibliotheken verteilten Buchschatzes. "Stiftung und Öffentlichkeit können Heinrich Freiherrn von Friesen für den verantwortungsvollen, altruistischen Umgang mit seinem restituierten Vermögen zur Bewahrung des kulturellen Erbes in Sachsen nicht genug danken", betont Stephan Seeger.


Förderprojekte:
10 000,00 € - Kultur- und Umweltstiftung Leipziger Land